Ein Herz für Blech und rostende Großvehikel
Die Ludwigsburger Karosseriebaumeisterin Elisabeth Kuveke


HERRENBERG. Die Liebe zum aufgemöbelten Altwagen nimmt neue Dimensionen an. Gut betuchte Oldtimerfans sammeln historische Omnibusse. Die Restauratorin Elisabeth Kuveke sorgt dafür, dass die Vehikel auch unter dem glänzenden Lack das Prädikat "Topzustand" verdienen.

Von Frank Buchmeier

Gegensätze ziehen sich an. Das Skelett des automobilen Dinosauriers wiegt vier Tonnen. Elisabeth Kuveke ist 78-mal leichter als ihr stählernes Werkstück und sagt: "Der Kässbohrer Setra S 80 ist ein faszinierendes Fahrzeug." Die 32-jährige Ludwigsburgerin ist die erste auf Omnibusse spezialisierte Restauratorin der Republik, eine Marie Curie des Karosseriebaus, eine verbriefte Großmeisterin ihres Fachs. Wie beschreibt sie selbst ihre ungewöhnliche Profession? "Das ist halt ein Job, der mir Spaß macht."

Elisabeth Kuveke wuchs im sächsischen Horka auf. Ihr Vater arbeitete in dem Dorf als Elektroinstallateur, ihre Mutter als Religionslehrerin. Die Tochter fiel früh durch ihre Fingerfertigkeit auf. Aus Baumrinde schnitzte Elisabeth Spielzeugschiffchen, Stroh verarbeitete sie zu Christbaumschmuck. Sie bekam von ihren Eltern beigebracht, dass sie auf dem Weg des geringsten Widerstandes nicht zu ihrem persönlichen Glück findet. Im April 1989, kurz vor den letzten antikapitalistischen Kommunalwahlen, gab die DDR einem Ausreiseantrag der Kuvekes statt, um Horka von einer Querdenkerfamilie zu befreien. So kam Elisabeth mit 17 nach Ludwigsburg, wo sie sich zur Erzieherin ausbilden ließ.

Vermutlich würde Elisabeth Kuveke noch heute in einer Markgröninger Heimsonderschule arbeiten, wenn sie sich nicht mit Anfang 20 in einen VW-Bus, Baujahr 1965, verguckt hätte. Sie erstand den Bully mit der charakteristischen geteilten Frontscheibe für 700 Mark und unterzog ihn nach Feierabend in der Werkstatt der Heimsonderschule einer Radikalkur. Das Ergebnis der einjährigen autodidaktischen Reparaturbemühungen war bescheiden: Der Volkswagen sah noch immer mehr nach alter Rostlaube denn nach gepflegtem Oldtimer aus. Immerhin kam er durch den Tüv, und Elisabeth Kuveke hatte ihre wahre Berufung gefunden: "Von da an wollte ich Karosseriebauerin werden."

Die Suche nach einem Ausbildungsplatz erwies sich als wesentlich schwieriger als die Reparatur eines defekten VW-Radlagers. "Eine Frau können wir uns in diesem Beruf nicht vorstellen", sagte ihr mancher Werkstattbesitzer ins Gesicht. Andere redeten sich damit raus, dass es in ihrem Betrieb keine Damentoilette gebe. Erst die zwanzigste Bewerbung war erfolgreich. Elisabeth Kuvekes Karriere als Restauratorin konnte beginnen.

Heute schwärmt die gebürtige Görlitzerin, die mit sozialistisch-schlichten Trabants und Wartburgs groß wurde, von den extravaganten Formen eines Porsche 356 oder eines Mercedes 300 SL. "Es ist ein sehr befriedigendes Gefühl, wenn man aus einem Stück Blech einen Kotflügel herstellt", sagt sie. "Das ist Kunsthandwerk." Sie berichtet aber auch von schmerzhaften Erfahrungen: Vor drei Jahren sei sie zwischen einem anfahrenden Lastwagen und der Werkstattmauer eingeklemmt worden. Diagnose: Beckenbruch. Während der einjährigen Zwangspause habe sie sich oft gefragt, ob der Unfall ein Wink des Schicksals gewesen sei, ob sie wieder zurückkehren sollte in den traditionellen Frauenberuf der Erzieherin. Doch die Zweifel lösten sich in sprühende Funken auf, als sie wieder eine Schleifmaschine in die Hände genommen hatte: "In diesem Moment wusste ich, dass ich nicht aufhören kann."

Im Sommer 2002 erhält Elisabeth Kuveke die Weihen des deutschen Handwerks: an der Stuttgarter Robert-Bosch-Schule wird ihr der Meisterbrief überreicht. Doch ein Traumjob ist nicht in Sicht. Eine Anstellung in einer gewöhnlichen Werkstatt kommt für sie nicht in Frage. "Die modernen, kaum unterscheidbaren Autos mit ABS, ESP und Klimaanlage interessieren mich nicht", sagt sie. "Ich mag das Ursprüngliche, Fahrzeuge, bei denen die Armaturen nur aus einem Lenkrad und drei Kippschaltern bestehen." Doch Oldtimerwerkstätten sind rar und Karosseriemeisterposten für junge Frauen erst recht. Elisabeth Kuveke macht sich kurz entschlossen selbstständig - "auch, weil ich eigentlich schon immer meine eigene Chefin sein wollte".

Anfänglich muss das Einfrauunternehmen um jeden Auftrag kämpfen. Mal hilft Elisabeth Kuveke in der Werkstatt eines Chemnitzer Oldtimerrestaurators aus, mal setzt sie in der Garage eines Heilbronner Geschäftsmanns einen morschen Jaguar XK 120 in Stand. Dann lernt sie über einen Bekannten den ehemaligen Neoplan-Chef Konrad Auwärter kennen. Der wohlhabende 64-Jährige verbindet sein Hobby mit sozialem Engagement. Auwärter sammelt Oldtimeromnibusse und unterstützt Existenzgründer, die seine Leidenschaft teilen. "Junge Bäume muss man gießen, sonst können sie nicht wachsen", sagt der Grandseigneur der traditionsreichen deutschen Busindustrie.

Als Starthilfe für die freie Karosseriebaumeisterin Elisabeth Kuveke rettet Auwärter einen 30 Jahre alten Kässbohrer Setra S 80 vor der Schrottpresse und mietet einen Montageplatz in einer Großwerkstatt in Herrenberg-Gültstein. "Als ich in ihre braunen Augen blickte, wusste ich, dass sie die richtigen Voraussetzungen für diese Aufgabe mitbringt: geschickte Hände, einen klugen Kopf und viel Herzblut." Von außen betrachtet scheint der Bus in einem passablen Zustand zu sein. Doch als Elisabeth Kuveke im April vergangenen Jahres die ersten Alubleche entfernt, kommt ein Rahmen zum Vorschein, den der Rost zur Hälfte verspeist hat. Die ursprüngliche Zeitkalkulation von sechs Monaten wird auf eineinhalb Jahre korrigiert.

Es ist ein Geduldsspiel, ein maschinelles Mikado. Meterweise schneidet Elisabeth Kuveke alte Teile aus dem Stahlgerippe und schweißt neue hinein. Bis August soll das Fahrzeug komplett neu aufgebaut und leuchtend blau lackiert sein. Zu diesem Zeitpunkt wird Kuveke 300-mal mit ihrem 39 Jahre alten Volvo Amazon über die A 81 von Ludwigsburg nach Gültstein gefahren sein, 2000 Arbeitsstunden werden auf ihrer Endabrechnung stehen. Ihr Förderer Konrad Auwärter wird um etwa 100 000 Euro ärmer und um ein Ausstellungsstück für sein Möhringer Busmuseum reicher sein.

Um ihre berufliche Zukunft muss sich Elisabeth Kuveke dank des aufwendig restaurierten Referenzobjekts keine Sorgen mehr machen. Mittlerweile hat der schlicht geformte schwäbische Kässbohrer Setra Gesellschaft eines Schweizer Schönlings namens Saurer-Berna bekommen. Ein Hechinger Reiseunternehmer vertraute der Karosseriebaumeisterin den Alpenbus, Baujahr 1950, zu einer Generalüberholung an.

Die Sammlergemeinde in der Republik wächst ständig, zahlreiche verrottete Großvehikel warten auf ihre Reanimation. Das Motto der Altwagenfans lautet: je exotischer, desto besser. Wer in einem 54 Jahre alten Saurer-Berna unterwegs ist, erntet mehr bewundernde Blicke als der Fahrer eines fabrikneuen Ferraris. Der größte private Oldtimerbussammler, ein Wiener Rechtsanwalt, besitzt 70 der rollenden Veteranen.

Die Liebe solcher gut betuchten Herren zum aufgemöbelten Blech sorgt dafür, dass Elisabeth Kuveke zuletzt mehrere Aufträge ablehnen musste. Im kommenden Monat wird die Jungunternehmerin ihren ersten Mitarbeiter einstellen. Noch in diesem Jahr will sie eine eigene Karosseriewerkstatt in Ludwigsburg eröffnen. "Damit ich nicht mehr so viel fahren muss." Für eine Zeitreise in die automobile Vergangenheit sei die A 81 nämlich völlig ungeeignet.

Kontaktadressen unter:
  www.karosseriebaumeister.de
  www.konrad-auwaerter.de

© 2004 Stuttgarter Zeitung
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